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14. März 2022

Gedanken zum Ukraine-Krieg (II)

»Wenn ich könnte, würde ich den Himmel über der Ukraine mit mir selbst schließen«

Ein Text von dem DTKV-Mitglied Natalia Pschenitschnikova


Gleich zu Beginn möchte ich dem gesamten ukrainischen Volk, das gegen die von Russland – dem Land, wo ich geboren und aufgewachsen bin – ausgehende Aggression kämpft, meine Unterstützung und Dankbarkeit aussprechen. Sie kämpfen mit dem Preis ihres Lebens und des Lebens ihrer Kinder. Es ist fürchterlich und schmerzhaft.

Aus dem Tagebuch der vergangenen Tage:
Zwei Wochen. Morgens wache ich auf und mache ein paar Multiplikationsaufgaben, versuche mich zu erinnern, welcher Tag heute ist. Ja, ich lebe noch. Ich schaue sofort nach den Namen ukrainischer Freunde und Kollegen: grüne Punkte (sie wurden nicht getötet) und russischer Freunde und Kollegen (wer wurde verhaftet, wer entlassen) – dann fängt mein Tag an. Eigentlich verschmelzen Tag und Nacht, man kann nicht richtig schlafen, nicht richtig wach sein.

Ich bin relativ weit weg von Putin und von seinen Bomben. Ich bin selbst in scheinbarer Sicherheit. Und trotzdem: der Krieg ist überall. In Diskussionen, Telefonanrufen, sozialen Netzwerken. Das Gehirn wird zerbombt, das Herz explodiert. Und das berühmte Selbstsicherheitsgefühl sitzt weit entfernt und lacht. Die Frage »Wer bin ich« war offenbar noch nie so aktuell.

In der gesamten Zeit seit 1990, in der ich in Deutschland lebe, bin ich – mit Ausnahme meiner ersten beiden Festivals, die mich in dieses Land gebracht haben – nie als ›russische‹ Musikerin betrachtet worden. Im internationalen Berlin vertrat ich eine von vielen Nationalitäten: Japaner, Australier, Amerikaner. Und jetzt fragen mich die Leute, wie ich mich als Russin fühle. Erst jetzt fühle ich mich wirklich russisch, und ich weiß nicht mehr, was das bedeutet. All die Jahre habe ich versucht, moderne Musik aufzuführen: sowohl russische als auch ukrainische, armenische und georgische Komponisten hierzulande, als auch deutsche, österreichische, schweizerische, italienische und alle Komponisten der Welt in Russland. Um ehrlich zu sein, interessierte es mich nicht besonders, welche Nationalität der Komponist oder die Komponistin hatte, sondern, ob sie oft genug aufgeführt wurden; ich versuchte nur, ihre Namen bekannter zu machen.

Ich bin mit Valentin Silvestrov, Leonid Hrabovsky (ein wunderbarer Komponist, der in Europa leider überhaupt nicht aufgeführt wird), Anna Korsun und Adrian Mocanu befreundet und habe ihre Musik aufgeführt. Und jetzt frage ich mich, ob ich das Recht habe, sie als Russin (tatsächlich ich bin zu einem Viertel Ukrainerin, zu einem Viertel Jüdin, zu jeweils einem Achtel Polin und Litauerin und zu einem Viertel Russin) zu spielen. Ich selbst habe keine Antwort auf diese Frage. Ich werde wohl in jedem Fall die Komponisten um Erlaubnis bitten müssen.

Es ist völlig klar, dass derzeit und auch in Zukunft keine Kontakte zu staatlichen Strukturen des russischen Kulturlebens möglich sind. Es stellt sich jedoch die Frage, warum sie bisher möglich waren. Wie viele Briefe haben wir gegen Gergiev, der im Übrigen gar kein gebürtiger Russe ist, geschrieben und unterzeichnet? Hat es geholfen? Nein. Werden diejenigen, die seine Aktivitäten unterstützt haben, auch Verantwortung tragen? Ganz zu schweigen von denen, die Putins Sprachrohre wie Russia Today und andere hier hereinlassen, und lange Zeit versucht haben, Putin zu »verstehen« und nun Angst haben, ihn »wütend zu machen«.

Aus dem Tagebuch: Wenn ich nur könnte, würde ich den Himmel über der Ukraine mit mir selbst schließen.

Warum mache ich immer wieder Anspielungen auf Nationalitäten? Ich möchte nur daran erinnern: Gemeinheit und freies Denken kennen keine Nationalitäten oder Pässe. Bitte beurteilen Sie Musiker und Künstler nach ihren Taten und Werken. Bitte führen Sie die Musik von Komponisten nach ihren Qualitäten und nicht nur nach ihrer Nationalität auf. Und ja, schließen Sie die Wege für Putins Kunstgeneräle und öffnen Sie sie nie wieder. Zum Glück gibt es nicht so viele von ihnen.

Bitte spielen Sie die Musik ukrainischer Komponisten, nicht nur, weil sie ukrainisch sind, sondern weil es sich um wunderbare und noch wenig bekannte Musik handelt – neben Valentin Silvestrov, den zum Glück inzwischen jeder kennt, gibt es Musik von Leonid Hrabovsky, Oleksandr Shchetynsky, Ludmila Yurina, Anna Arkushina, Marta Haladzhun, Katarina Gryvul, Adrian Mocanu, Alexey Shmurak, Maxim Kolomiiets und vielen anderen. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um die Aufmerksamkeit insbesondere auf Leonid Hrabovsky zu lenken, der 1935 in Kyiv geboren wurde und 1990 in die USA emigrierte. Er schreibt großartige Musik und verdient die besten Interpreten und Säle.

Ich bin in den letzten Tagen oft gefragt worden, ob der Krieg mit der Ukraine negative Folgen auf mich persönlich habe, etwa ob ich Ausgrenzung erlebe – ich habe nichts dergleichen erfahren. Und selbst wenn dies der Fall wäre, so wäre das nichts im Vergleich zu dem Schmerz, bombardiert und getötet zu werden. Solange Russland diesen sinnlosen Krieg nicht beendet, solange es sich nicht aus der Ukraine zurückzieht, solange es nicht zu einem Machtwechsel kommt und von offizieller Seite Reue ausgedrückt und Abbitte geleistet wird, wird es sehr schwer sein – und nicht jeder wird es ertragen können.

Aus einem Brief einer Kollegin aus Russland: Es ist so schwer, morgens durch die Tür und nicht durch das Fenster zur Arbeit zu gehen.

Aber man darf nicht vergessen, dass frei denkende russische Künstler, Musiker und Schriftsteller dem Kreml schon immer ein Dorn im Auge waren – oder, wie es in Russland heißt: eine Gräte in der Kehle. Man darf diese Gräte nicht entfernen.

 

Natalia Pschenitschnikova ist Sängerin, Komponistin, Performerin und Flötistin. Sie ist in Moskau geboren und aufgewachsen. Heute lebt sie in Berlin und ist Mitglied im DTKV Berlin.

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